Kind und Karriere – ja bitte! …aber was heißt das überhaupt?

Ein Beitrag von Julia Aberle

Meine Mutter hat mich und meine Schwester als Vollzeithausfrau aufgezogen. Zeitweise hatten wir sogar eine Haushaltshilfe, alles Dank des Gehalts meines Vaters, den wir Kinder aber kaum zu Gesicht bekamen. 60 Stunden Woche, wochenlange Geschäftsreisen nach Asien und abends meistens noch ein Essen mit den Geschäftspartnern, das ganz normale Tagesgeschäft eben. Und trotzdem war es immer unser Papa, bei dem wir uns besonders gefreut haben, wenn er uns ins Bett gebracht hat, um dessen Beachtung und Lob wir wettgeeifert haben und der auch unser Vorbild war. Wenn ich groß bin, will ich auch so viel unterwegs sein wie Papa. Mama war nicht immer Synonym für Spaß. Mama hat uns erzogen, war der Bad Cop in der Beziehung, hat uns gesunde Ernährung näher gebracht, und war Zuhause für uns da. Früher eine Odyssee, heute sind wir ihr dankbar dafür. Dass man als Kind nicht versteht, wie viel Arbeit der Haushalt, die Familienorganisation und – ja – auch unsere Erziehung eigentlich wirklich macht, das sei mal so dahingestellt. Mama war nach einem langen Tag mit uns immer noch dieselbe. Aber Papa, der war abends sehr müde und brauchte seine Ruhe. Kinderlogik? Bestimmt. Oder etwa doch nicht?

Im Internet sind die Artikel zu Kind und Karriere zweigespalten: auf der einen Seite findet man jene Personen, vor allem Mütter, die am liebsten jeden Moment im Leben ihrer Kinder miterleben wollen. Tagesmütter und KiTas sind für diese Frauen in weiter Ferne, weil sie sich die Zeit nehmen, nein, die Zeit nehmen können, für ihre Kinder da zu sein. Ich bin mir sicher, ihre Kinder werden ihnen es später danken, so wie wir unserer Mama jetzt auch. Auf der anderen Seite hat man die Personen, die gerne Kind und Karriere vereinen wollen, die aber merken, dass das nicht mehr so einfach ist, wenn erst einmal zwei Arbeitskalender miteinander abgeglichen werden müssen oder das Kind plötzlich, und dann auch noch ganz ungeplant, krank wird. Auch hier lese ich hauptsächlich Artikel von Müttern. Ist Kinderversorgung denn immer noch mehr Muttersache? Für mich mit 25, gerade an meinem Masterabschluss und schon seit Jahren selbstständig auf meinen zwei Beinen stehend, keine schöne Vorstellung. Schon jetzt ist eigentlich klar, Kinder ja, irgendwann, aber nicht ohne Karriere. Bleibt das am Ende nur eine Dystopie?

Eine verbindliche Antwort auf meine Fragen werde ich wohl so bald nicht bekommen. Fakt ist aber in Deutschland sind wir zwar schon weiter als viele andere Länder, trotzdem noch lange nicht beim großen Vorbild für Geschlechtergleichheit angekommen, das Skandinavien repräsentiert. Besonders einschlägige Zahlen präsentiert hier die Welt-Zeitung in einem Artikel aus 2019. Grundlage ist eine Forsa-Studie im Auftrag der KKH Kaufmännische Krankenkasse. Deutschland verzeichnet laut der Studie einen besonders hohen Anteil an in Teilzeit arbeitenden Müttern. In Südeuropa arbeiten Frauen vergleichsweise weniger (im Sinne von gar nicht) während in Nord- und Osteuropa viele Frauen in Vollzeit tätig sind. Diese Ergebnisse gehen synchron mit denen der Geschlechterverteilung der Kinderbetreuung. In Südeuropa gibt es die größte Lücke in der Betreuung, hier noch klassisch Frauensache. In Schweden gibt es am wenigsten Unterschiede. Hier übernehmen täglich 96% der Frauen zwischen 25 und 49 Jahren die Betreuung der Kinder, im Vergleich 92% der Männer. Und in Deutschland? In Deutschland übernehmen die tägliche Kinderbetreuung 92% aller Frauen und 68% der Männer. (Stand 2016)
Als deutsche Arbeitnehmerinnen müssen wir als zukünftige Mütter damit auch der Tatsache ins Auge sehen, dass Teilzeitfalle und Karriereknick in unserer nahen Zukunft nicht unwahrscheinlich sind. Besonders für hochqualifizierte zukünftige Mütter, die auch ihre Karriere fokussieren, bedeutet das eine schwerwiegende Änderung ihres Lebensmittelpunkts und hohe Opportunitätskosten.

Umso wichtiger ist es für mich zu sehen, dass die Rufe vieler Mütter nach einer Gleichberechtigung, nicht nur in der Karriere, sondern auch in der Kindererziehung immer lauter werden. 50 / 50 Care Sharing scheint die Antwort zu sein. Wenn Kind, dann müssen beide Eltern bereit dafür sein die Betreuung zu übernehmen, ganz nach dem Vorbild Skandinaviens. Und neben den Rufen der (zukünftigen) Mütter, sind es für mich auch Projekte wie ADULTY, welche mich positiver stimmen, ganz nach dem Motto „Hey, es geht ja doch!“ Warum soll eine längere Elternzeit mit Fokus auf das Kind nicht für Mütter und Väter gleichermaßen möglich sein, wenn das eben nicht Karrierestagnation bedeutet. Durch die Teilzeitbeschäftigung in Elternzeit und das parallele Qualifizierungsprogramm, das ADULTY anbietet, kann auch Elternwerden fitter für die Karriere mache. Auch die Unternehmen stehen hier in der Verantwortung den Bedarf ihrer Mitarbeiter, der Eltern, zu erkennen und sie entsprechend zu fördern. Sonst bleibt eine wahre berufliche Gleichberechtigung von Frauen und Männern, von Müttern und Vätern, nämlich in weiter Ferne.

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